
Warum sich deine Praxis anders entwickelt als die im Nachbarort – und was die offiziellen Daten dazu sagen
Zwei Praxen im selben Bundesland. Gleiche Vergütungsverträge. Gleiche gesetzlichen Rahmenbedingungen. Und trotzdem entwickeln sie sich unterschiedlich.
Die eine arbeitet überwiegend mit älteren Patienten, komplexen neurologischen Diagnosen und langfristigen Therapieverläufen. Die andere behandelt vor allem orthopädische Standardverordnungen und hat einen deutlich jüngeren Patientenmix.
Beide sind Teil desselben Heilmittelsystems in Deutschland. Aber sie agieren in unterschiedlichen regionalen Versorgungsstrukturen. Genau hier beginnt das Thema „regionale Unterschiede in der Heilmittelversorgung“.
Aktuelle Auswertungen aus dem Heil- und Hilfsmittel-Atlas (bifg/WIdO/AOK) sowie den Heilmittelberichten von WIdO und GKV-Spitzenverband zeigen deutlich: Verordnungsvolumen, Altersstruktur und Indikationsverteilung unterscheiden sich regional erheblich.
Diese Unterschiede sind kein statistisches Detail. Sie prägen die betriebliche Realität jeder Praxis.
Die Datenlage zur Heilmittelversorgung in Deutschland
Die wichtigsten öffentlich zugänglichen Analysen zur Heilmittelversorgung stammen aus drei Quellen:
• Heil- und Hilfsmittel-Atlas (bifg/WIdO/AOK)
• Heilmittelberichte des WIdO
• Heilmittelberichte des GKV-Spitzenverbandes
Diese Berichte analysieren unter anderem:
• Verordnungsvolumen je 1.000 Versicherte
• Ausgabenentwicklung
• Altersstruktur der Versicherten
• Indikationsgruppen
Sie bilden die Grundlage für eine sachliche Einordnung der Heilmittelversorgung 2026.
Regionale Unterschiede bei Heilmittel-Verordnungen in Deutschland
Die Auswertungen zeigen seit Jahren deutliche Unterschiede zwischen Bundesländern und Landkreisen. Einige Regionen weisen dauerhaft höhere Verordnungsraten auf als andere. Gleichzeitig variieren die Pro-Kopf-Ausgaben erheblich. Auch innerhalb eines Bundeslandes können Unterschiede zwischen urbanen Zentren und ländlichen Regionen bestehen.
Diese Abweichungen sind nicht automatisch Ausdruck von Über- oder Unterversorgung. Sie spiegeln vielmehr strukturelle Faktoren wider, darunter:
• Altersverteilung der Bevölkerung
• Morbiditätsstruktur
• Arzt- und Facharztdichte
• Versorgungszugang
• demografische Entwicklung
Die Heilmittelversorgung ist damit regional geprägt – nicht bundesweit homogen. Für Praxisinhaber bedeutet das: Der Markt vor deiner Tür folgt eigenen Regeln.
Altersstruktur als zentraler Einflussfaktor
Eine der stabilsten Erkenntnisse aus den Heilmittelberichten lautet: Mit zunehmendem Alter steigt die Inanspruchnahme von Heilmitteln deutlich. Höhere Altersgruppen verursachen im Durchschnitt höhere Heilmittelausgaben. Gleichzeitig nehmen Komplexität und Therapiedauer tendenziell zu.
Entscheidend ist jedoch nicht nur die bundesweite Alterung, sondern ihre regionale Ausprägung. Einige Landkreise verzeichnen bereits heute einen sehr hohen Anteil über 65-Jähriger, während andere Regionen durch Zuzug jüngerer Bevölkerung wachsen.
Für die Praxis bedeutet das: Die demografische Entwicklung deiner Region beeinflusst mittel- und langfristig deinen Patientenmix. Wenn deine Region altert, verschiebt sich die Nachfrage. Wenn junge Familien zuziehen, entstehen andere Bedarfe. Diese Entwicklungen verlaufen langsam – aber strukturell.
Indikationsgruppen im regionalen Vergleich
Bundesweit dominieren laut Heilmittelberichten weiterhin muskuloskelettale Indikationen. Orthopädische Diagnosen stellen mengenmäßig den größten Anteil der Heilmittel-Verordnungen in Deutschland dar.
Gleichzeitig zeigen die Auswertungen, dass neurologische Indikationen mit zunehmendem Alter an Bedeutung gewinnen. Pädiatrische Leistungen weisen regional stärkere Unterschiede auf und hängen eng mit der Bevölkerungsstruktur zusammen.
Wichtig ist dabei: Die Daten deuten nicht auf kurzfristige Marktbrüche hin, sondern auf langfristige Verschiebungen. Demografie, Chronifizierung und Ambulantisierung wirken als strukturelle Treiber. Die Zukunft des Physiotherapie-Marktes und der gesamten Heilmittelversorgung 2026 wird daher weniger durch Trends als durch Strukturveränderungen bestimmt.
Warum regionale Versorgungsdaten für deine Praxis relevant sind
Regionale Unterschiede wirken nicht abstrakt, sondern betriebswirtschaftlich:
Verändert sich die Altersstruktur, verändert sich der Indikationsmix.
Verändert sich der Indikationsmix, verändert sich deine Erlösstruktur.
Verändert sich die Erlösstruktur, verändert sich dein Risiko.
Viele Praxen reagieren erst, wenn sie deutliche Verschiebungen spüren – etwa durch:
• steigende Komplexität der Fälle
• veränderte Auslastungsmuster
• zunehmende Spezialisierungsanforderungen
Die offiziellen Versorgungsdaten ermöglichen es, solche Entwicklungen früher zu erkennen.
Vier typische regionale Szenarien in der Heilmittelversorgung
Auf Basis der veröffentlichten Daten lassen sich vier strukturelle Konstellationen beschreiben. Sie ersetzen keine Marktanalyse, bieten aber eine Orientierung.
Zentrale Fragen für Praxisinhaber
Die Daten liefern keine Handlungsanweisung, aber sie helfen bei der Einordnung und schaffen Klarheit über die eigene Position im regionalen Markt. Wichtige Fragen sind:
Die Heilmittelversorgung wird regional noch differenzierter. Demografie, Indikationsstruktur und Versorgungsdichte prägen die Nachfrage langfristig. Wer diese Faktoren kennt und mit der eigenen Praxisstruktur abgleicht, trifft fundiertere Entscheidungen.
Nicht aus dem Bauch, sondern auf Basis nachvollziehbarer Entwicklungen.
Grenzen der Dateninterpretation
Regionale Unterschiede in der Heilmittelversorgung sind komplex. Die verfügbaren Daten basieren überwiegend auf GKV-Auswertungen und bilden private Versicherte nur eingeschränkt ab. Zudem spiegeln regionale Durchschnittswerte nicht automatisch die Situation einzelner Praxen wider.
Die Berichte liefern eine gute Orientierung, keine Prognosesicherheit.

