
Therapie entlastet das Gesundheitssystem langfristig. Trotzdem spielt sie in Reformplänen kaum eine Rolle. Gespart wird lieber kurzfristig – und die Rechnung zahlen wir später mit Pflege, Chronifizierung und steigenden Beiträgen.
Kurzfristig handlungsfähig – langfristig blind
Denn die Kosten im Gesundheitssystem steigen. Eine neue Kommission Gesundheit, initiiert von Gesundheitsministerin Nina Warken, soll Lösungen liefern. Gesucht wird nach Maßnahmen, die schnell wirken – idealerweise noch bevor die nächste Beitragserhöhung beschlossen wird. Denn steigende Beiträge kosten nicht nur Geld. Sie kosten Vertrauen. Und sie kosten Wählerstimmen.
Genau deshalb steht das System unter Druck, kurzfristig handlungsfähig zu wirken. Was dabei auffällt: Therapie spielt in diesen Debatten kaum eine Rolle. Nicht als strategischer Hebel. Nicht als Investition. Und schon gar nicht als ernsthafte Option zur langfristigen Entlastung. Wer den Alltag in Praxen kennt, weiß: Diese Leerstelle ist kein neues Phänomen – sie begleitet die Versorgung seit Jahren.
Therapie ist kein Randthema, sondern der größte langfristige Hebel im System.
Therapie wirkt – ohne jeden Zweifel. Aber sie wirkt nicht sofort. Ihre Effekte zeigen sich oft erst nach Jahren: weniger Chronifizierung, weniger Pflegebedürftigkeit, mehr Selbstständigkeit, längere Erwerbsfähigkeit. Politisch ist das unattraktiv. Denn Wirkung, die erst nach einer Legislaturperiode sichtbar wird, hilft nicht dabei, Wähler kurzfristig zu beruhigen, Erfolge zu inszenieren oder Handlungsfähigkeit zu demonstrieren. Therapie entlastet das System – aber sie erzeugt keine schnellen Effekte, keine griffigen Zahlen und keine Botschaften für den nächsten Wahlkampf.
Stattdessen greift das System zu dem, was schnell sichtbar, gewohnt und kalkulierbar ist: Medikamente, Eingriffe, operative Lösungen. Sie passen in bestehende Strukturen, lassen sich abrechnen, steuern und erklären. Therapie dagegen ist ein Prozess. Sie braucht Zeit, Kontinuität – und den Willen, über politische Zeiträume hinaus zu denken.
Das eigentlich Auffällige ist nicht, dass Therapie politisch kaum vorkommt. Auffällig ist, wie konsequent sie ignoriert wird. In Reformpapieren wird Therapie nicht einmal als Option verworfen. Sie wird schlicht nicht mitgedacht. Und was nicht gedacht wird, kann auch keine Priorität werden.
Der größte Hebel ist der leiseste
Dabei ist der finanzielle Anteil von Therapie am gesamten Gesundheitssystem vergleichsweise gering. Genau das macht den Widerspruch so deutlich. Ein überschaubarer Mehrinvest hätte das Potenzial, langfristig enorme Folgekosten zu vermeiden. Doch diese Rechnung wird selten aufgemacht. Sie taucht weder in Sparpapieren noch in Reformempfehlungen auf.
Therapie entfaltet ihren Wert dort, wo politische Steuerung am schlechtesten funktioniert: im Alltag. Nicht als einzelne Maßnahme, sondern als kontinuierlicher Prozess, der Menschen stabilisiert, lange bevor sie zu Kostenfaktoren werden. Genau darin liegt ihr Wert – und ihr politisches Problem.
Therapie passt nicht nur zeitlich schlecht in politische Logik – sie passt auch schlecht in ein System, in dem Gesundheit längst ein Geschäftsmodell ist. Ein System, das auf planbare Eingriffe, standardisierte Abläufe und kontinuierliche Umsätze ausgerichtet ist, tut sich schwer mit Prozessen, die Zeit brauchen, individuell sind und deren Erfolg sich nicht sofort monetarisieren lässt.
Therapie folgt keiner schnellen Verwertungslogik entlang von Renditezielen.
Während andere Bereiche über starke Interessenvertretungen, eingespielte Strukturen und erhebliche wirtschaftliche Anreize verfügen, bleibt Therapie vergleichsweise leise. Sie produziert keine schnellen Gewinne, keine spektakulären Effekte – und sie lässt sich schlecht politisch oder wirtschaftlich ausschlachten.
Genau deshalb fällt sie durchs Raster. Weil sie sich einem System entzieht, das Effizienz mit Ertrag verwechselt – und Versorgung zunehmend danach bewertet, was sich rechnet und nicht danach, was langfristig trägt.
Was wäre, wenn wir Therapie plötzlich ernst nehmen würden?
Stellen wir uns einen Moment lang vor, es gäbe tatsächlich einen politischen Kurswechsel. Therapie würde nicht mehr mitgedacht, sondern vorgedacht. Prävention, Rehabilitation und langfristige Stabilisierung würden ernsthaft gestärkt.
Die ernüchternde Antwort: Das System könnte es kaum auffangen. Schon heute fehlen Therapeuten. Termine sind knapp. Wartezeiten lang. Der Nachwuchs fehlt.
Das ist kein Zufall, sondern die Folge jahrelanger Prioritätensetzung. Ein System, das Therapie lange als nachgeordnet betrachtet hat, hat Strukturen geschaffen, die genau das widerspiegeln. Würde Therapie heute plötzlich Aufwind bekommen, entstünde nicht sofort Entlastung – sondern zunächst Überforderung. Nicht, weil Therapie der falsche Weg wäre. Sondern weil sie zu lange nicht konsequent eingeplant wurde.
Kurzfristiges Sparen ist keine Lösung
Gespart wird lieber dort, wo es kurzfristig bequem erscheint. Die strukturellen Probleme verschwinden dadurch nicht – sie werden verschoben. Auf die nächste Regierung. Auf die nächste Reform. Auf die nächste Generation.
Was heute als Sparmaßnahme verkauft wird, taucht morgen als Pflegefall, als chronische Erkrankung, als steigender Sozialaufwand wieder auf. Das Loch, das heute gestopft wird, reißt an anderer Stelle doppelt so groß wieder auf. So entsteht ein System, das Defizite verwaltet, statt Ursachen zu bearbeiten. Ein System, das kurzfristige Stabilität über langfristige Gesundheit stellt – und sich dann wundert, warum die Kosten weiter steigen.
Wir sparen an Wirkung – und zahlen später mit Folgen.
Therapie scheitert nicht an fehlender Wirkung. Sie scheitert an einer Politik, die Verantwortung nur bis zur nächsten Wahl denkt.

