Physiotherapeutin mit Tasche vor Haustür – mobile Physiotherapie ohne eigene Praxis

Mobile Physiotherapie ist kein Trend und keine Nische. Sie ist eine direkte Antwort auf ein Versorgungsproblem, das viele Patienten und Therapeuten längst kennen: überlastete Praxen, lange Wartezeiten und ganze Regionen, in denen physiotherapeutische Versorgung kaum noch stattfindet. Umso größer war die Hoffnung, als 2024 eine Petition zur mobilen Physiotherapie ohne eigene Praxis beim Bundestag eingereicht wurde. Die Forderung war klar: Physiotherapeuten sollten Hausbesuche auch dann durchführen und mit den gesetzlichen Krankenkassen abrechnen dürfen, wenn sie keine stationäre Praxis betreiben.

Die Entscheidung fiel eindeutig aus. Der Bundestag lehnte die Petition ab. Einstimmig. Juristisch sauber begründet – und trotzdem ein gutes Beispiel dafür, wie weit gesetzliche Rahmenbedingungen und Versorgungsrealität inzwischen auseinanderliegen.

Worum es bei der Petition zur mobilen Physiotherapie ging

Die Petition zielte auf eine zentrale Hürde im aktuellen System: die sogenannte Praxispflicht. Wer physiotherapeutische Leistungen für gesetzlich Versicherte abrechnen möchte, muss eine zugelassene Praxis mit entsprechender Ausstattung nachweisen. Für Therapeuten, die ausschließlich mobil arbeiten möchten, ist das ein massives Hindernis. Praxisräume, Mietkosten und Ausstattung stehen in keinem Verhältnis, wenn Behandlungen fast ausschließlich beim Patienten zu Hause stattfinden.

Gleichzeitig wächst der Bedarf an physiotherapeutischen Hausbesuchen stetig. Patienten mit eingeschränkter Mobilität, pflegebedürftige Menschen oder Betroffene in ländlichen Regionen sind auf mobile Physiotherapie angewiesen. Genau hier wollte die Petition ansetzen und neue Versorgungsmodelle ermöglichen.

Versorgungslage: Hoher Bedarf, wenig Spielraum

Dass es ein echtes Versorgungsproblem gibt, ist unstrittig. Schon seit Jahren berichten Berufsverbände von langen Wartezeiten auf physiotherapeutische Hausbesuche. Viele Praxen bieten sie gar nicht mehr an, weil sie wirtschaftlich kaum darstellbar sind. Fahrzeiten, Personalmangel und organisatorischer Aufwand treffen auf eine Vergütung, die für viele Betriebe nicht mehr tragfähig ist.

Parallel dazu gibt es Therapeuten, die genau in diesem Bereich arbeiten möchten. Sie wollen mobil sein, flexibel arbeiten und gezielt Hausbesuche übernehmen. Nicht als Übergangslösung, sondern als klares berufliches Modell. Doch genau das verhindert die aktuelle Gesetzeslage.

Warum mobile Physiotherapie ohne eigene Praxis nicht erlaubt ist

Die Ablehnung der Petition stützt sich im Kern auf §124 SGB V. Dieser schreibt vor, dass Heilmittelerbringer über eine geeignete Praxisausstattung verfügen müssen, um Leistungen mit der gesetzlichen Krankenversicherung abrechnen zu dürfen. Die Praxis gilt dabei als Garant für Qualität, Wirtschaftlichkeit und ein ausreichendes Behandlungsspektrum.

Aus politischer Sicht gibt es mehrere Bedenken gegenüber einer rein mobilen Physiotherapie. Zum einen könnten bestimmte Therapieformen ohne entsprechende Geräte und Räumlichkeiten nicht angeboten werden. Zum anderen sind Hausbesuche im bestehenden System bewusst als Ausnahme vorgesehen, nicht als Regelfall. Patienten sollen – wenn medizinisch möglich – mobilisiert werden und eine Praxis aufsuchen, statt dauerhaft zu Hause behandelt zu werden.

Diese Argumentation ist formal nachvollziehbar. In der praktischen Versorgung greift sie jedoch zu kurz.

Mobile Physiotherapie existiert längst – nur nicht eigenständig

Denn mobile physiotherapeutische Arbeit ist längst Teil des Alltags. Viele Praxen beschäftigen Therapeuten, die ausschließlich Hausbesuche durchführen. Ein Urteil des Bundessozialgerichts hat sogar bestätigt, dass für solche Mitarbeiter keine zusätzlichen Praxisräume erforderlich sind, solange eine zugelassene Praxis im Hintergrund existiert.

Das zeigt deutlich: Das System erkennt den Bedarf an mobiler Arbeit an, erlaubt sie aber nur in Verbindung mit stationären Strukturen. Eine mobile Physiotherapie ohne eigene Praxis bleibt ausgeschlossen – unabhängig davon, wie groß der Versorgungsbedarf tatsächlich ist.

Wo das System an seine Grenzen stößt

Hier zeigt sich ein grundlegendes Problem. Das Gesundheitssystem schützt bestehende Strukturen sehr konsequent, tut sich aber schwer damit, neue Versorgungsmodelle zu integrieren. Mobile Physiotherapie passt nicht in die klassischen Abrechnungs- und Zulassungslogiken. Statt diese weiterzuentwickeln, werden neue Modelle häufig blockiert.

Dabei ist die organisatorische Umsetzung mobiler Arbeit längst kein theoretisches Problem mehr. In vielen Praxen wird bereits digital gearbeitet, Termine und Behandlungsdokumentationen werden mobil verwaltet. Dass mobile physiotherapeutische Arbeit technisch und organisatorisch umsetzbar ist, zeigt sich etwa durch den Einsatz digitaler Lösungen wie mobiler Apps für Dokumentation und Terminübersicht, wie sie zum Beispiel bei der mobilen App von Henara genutzt werden.

Die Technik ist also da. Die rechtlichen Rahmenbedingungen hinken hinterher.

Warum die Ablehnung der Petition kein Schlussstrich ist

Auch wenn die Petition gescheitert ist, verschwindet das Thema nicht. Der Fachkräftemangel, der demografische Wandel und der steigende Bedarf an aufsuchender Versorgung werden den Druck weiter erhöhen. Gleichzeitig verändern sich die Erwartungen der Therapeuten an ihre Arbeit. Flexibilität, geringere Fixkosten und selbstbestimmte Arbeitsmodelle gewinnen an Bedeutung.

Mobile Physiotherapie ohne eigene Praxis ist deshalb keine radikale Idee, sondern eine mögliche Ergänzung bestehender Strukturen. Nicht als Ersatz für Praxen, sondern als gezielte Lösung dort, wo klassische Versorgung an ihre Grenzen stößt.

Die Ablehnung der Petition löst kein einziges Versorgungsproblem. Sie bewahrt bestehende Strukturen, verhindert aber notwendige Weiterentwicklung. Statt pauschaler Verbote bräuchte es differenzierte Lösungen: klare Qualitätskriterien, begrenzte Leistungskataloge, regionale Modellprojekte und transparente Dokumentationspflichten. Mobile Physiotherapie ist kein Risiko für das System. Stillstand ist es.

Gescheitert ist nicht die Idee, sondern das Denken

Die Petition zur mobilen Physiotherapie ohne eigene Praxis ist formal gescheitert. Inhaltlich hat sie jedoch einen Nerv getroffen. Sie zeigt, wie groß die Lücke zwischen gesetzlichen Vorgaben und Versorgungsrealität geworden ist. Solange neue Modelle reflexartig ausgeschlossen werden, statt sie kontrolliert zu erproben, wird sich an den bestehenden Problemen wenig ändern.

Denken wir Versorgung neu – pragmatisch, realistisch und näher an der Lebenswirklichkeit von Patienten und Therapeuten.