Illustration einer Physiotherapiepraxis: Therapeutin plant die Behandlung auf Basis einer Blankoverordnung im Gespräch mit einer Patientin.

Blankoverordnung Physiotherapie – die wichtigsten Fakten auf einen Blick

  • Gilt aktuell ausschließlich für die Diagnosegruppe EX (Schulterdiagnosen)
  • Ärztinnen und Ärzte stellen nur die medizinische Diagnose
  • Physiotherapeuten übernehmen die Therapieplanung und Versorgungsverantwortung
  • Heilmittelwahl, Behandlungsumfang und Frequenz liegen beim Therapeuten
  • Maximale Gültigkeit: 16 Wochen pro Verordnung
  • Physiotherapeutische Diagnostik (PD) ist verpflichtend und abrechenbar
  • Bedarfsdiagnostik (BD) ist optional und einmal je Verordnung möglich
  • Wirtschaftliche Steuerung erfolgt über das Ampelsystem
  • Überschreitungen der Ampel sind erlaubt, werden jedoch honorarreduziert
  • Die Abrechnung erfolgt mit zusätzlichen Leistungspositionen und einer Versorgungspauschale

Etabliert – und trotzdem voller Fragezeichen

Seit die Blankoverordnung in der Physiotherapie eingeführt wurde, gehört sie offiziell zum Alltag. In vielen Praxen wird sie längst abgerechnet, dokumentiert, diskutiert – und doch bleibt das Gefühl, dass sie in der täglichen Arbeit noch nicht richtig „angekommen“ ist. Die Regelung ist etabliert, aber nicht selbstverständlich. Der Workflow steht auf dem Papier, aber in der Praxis tauchen immer neue Details auf, die man erst im Doing versteht.

Gerade im Rahmen der Diagnosegruppe EX, also den typischen Schulterdiagnosen, zeigt sich, wie viel Potenzial – und wie viel Unsicherheit – die Blankoverordnung mitbringt. Du bekommst mehr Verantwortung, mehr Entscheidungsspielraum und mehr Therapie-Freiheit. Gleichzeitig entstehen neue Fragen: Was ist wirtschaftlich sinnvoll? Was ist dokumentationspflichtig? Was muss ich beim Ampelsystem beachten? Und wie baut man aus 16 Wochen Therapie wirklich einen strukturierten Prozess?

Dieser Artikel ordnet all das ein – ohne Schönfärberei, ohne Chaos, aber mit ehrlicher therapeutischer Perspektive.

Blankoverordnung Physiotherapie: Worum es eigentlich geht

Die grundsätzliche Idee ist einfach erklärt: Bei einer Blankoverordnung stellt der Arzt nur die medizinische Diagnose, nicht aber Heilmittel, Frequenz oder Behandlungsmenge. Diese Verantwortung liegt vollständig bei dir.

Du entscheidest also:

  • wie viele physiotherapeutische Maßnahmen du über den gesamten Zeitraum einsetzt,
  • welche Maßnahmen das sind,
  • wie oft sie stattfinden,
  • und wie du sie kombinierst.

Damit verschiebt sich die Versorgungslogik. Du bist nicht mehr derjenige, der ärztliche Vorgaben „abarbeitet“, sondern die Person, die die Versorgung plant, steuert und verantwortet. Und das bedeutet: fachliche Freiheit – aber eben auch eine saubere Dokumentation, eine klare Begründung und ein gutes Verständnis der systematischen Regeln, die die Blankoverordnung einrahmen.

Diagnosegruppe EX: Warum die Blankoverordnung nur hier gilt

Wichtig zu verstehen: Die Blankoverordnung Physiotherapie existiert aktuell ausschließlich für Diagnosen der Diagnosegruppe EX. Das bedeutet nicht „Schulter“ im umgangssprachlichen Sinne, sondern exakt definierte ICD-10-Codes, die Störungen rund um das Schultergelenk und den Schultergürtel abbilden. Dazu zählen funktionelle, degenerative, traumatische und postoperative Diagnosen.

Warum EX? Weil Schulterverläufe hohe Variabilität zeigen, weil sie Therapiefeingefühl erfordern und weil man Kassen- wie Fachseite davon überzeugt war, dass gerade hier eine bedarfsorientierte Therapieplanung durch Physiotherapeuten besonders sinnvoll ist.

Was du dir merken solltest:

  • Es gibt (aktuell) keine weitere Blankoverordnung in der Physiotherapie
  • MLD bleibt ausgeschlossen
  • Die Blankoverordnung ist ein Pilotfeld, kein breit ausgerolltes Standardinstrument

Damit ist klar: Wer über Blankoverordnung Physiotherapie spricht, spricht automatisch über EX – und damit über Schulter.

Wie sich deine Rolle verändert: Therapieplanung statt Rezeptausführung

Die wahrscheinlich wichtigste Veränderung findet nicht im Formular statt, sondern in der beruflichen Identität. Die Blankoverordnung führt zu einem Rollenwechsel, der sich erst langsam in den Praxen manifestiert. Du wirst zur Person, die den Versorgungsprozess verantwortet – und zwar fachlich, wirtschaftlich und organisatorisch.

Die sogenannte erweiterte Versorgungsverantwortung bedeutet:

  • Du bewertest nicht nur Symptome, sondern planst die Heilmittelversorgung
  • Du entscheidest über Frequenzen und Dauer – und damit über Ressourceneinsatz
  • Du dokumentierst deinen Plan und begründest deine Entscheidungen
  • Du steuerst den Verlauf und passt flexibel an, wenn die Symptomatik es erfordert

Das ist anspruchsvoll – aber es ist auch genau das, was professionelle Physiotherapie ausmacht. Die Blankoverordnung holt diese Kompetenzen ans Licht.

Vertiefung aus dem Praxisalltag

Wie sich Therapieplanung und Dokumentation bei der Blankoverordnung wirklich anfühlen

Der Rollenwechsel klingt gut – wird im Alltag aber erst greifbar, wenn Therapieplanung und Dokumentation sinnvoll zusammenspielen. Wie Therapeuten die Blankoverordnung konkret umsetzen, ohne im Dokumentationsaufwand zu versinken, zeigen wir im vertiefenden Praxisartikel.

➡ Zum Artikel „Blankoverordnung umsetzen: Therapieplanung & Dokumentation“

Physiotherapeutische Diagnostik (PD): Der therapeutische Startpunkt

Die PD ist der Dreh- und Angelpunkt der Blankoverordnung. Ohne PD keine Therapie. Sie ist verpflichtend, abrechenbar und fachlich absolut sinnvoll. In der PD klärst du systematisch:

  • Welche Strukturen sind betroffen?
  • Welche Aktivitäten sind eingeschränkt?
  • Was ist das funktionelle Hauptproblem?
  • Welche alltagsrelevanten Ziele müssen erreicht werden?
  • Welche persönlichen und Umweltfaktoren beeinflussen den Verlauf?

Die PD basiert auf dem ICF-Modell – es geht nicht nur um Muskeln und Gelenke, sondern um Funktion, Teilhabe und Kontext. Das Ergebnis ist ein klarer Therapieplan, der nicht nur Maßnahmen enthält, sondern auch einen realistischen Verlauf: Wann wird umgesteuert? Wann wird ein Zwischenbefund sinnvoll? Welche Zielmarken setzt du?

Dass diese Leistung vergütet wird, wertet die physiotherapeutische Befundung auf – endlich sichtbar und nicht „nebenbei“.

Bedarfsdiagnostik (BD): Der Moment der Kurskorrektur

Die BD ist optional, aber in der Praxis fast unverzichtbar. Sie ist ein strukturierter Zwischenbefund, der festlegt:

  • Sind wir auf dem richtigen Weg?
  • Hat sich die Schulterfunktion wie erwartet verbessert?
  • Gibt es Schmerzverläufe, die eine Anpassung erzwingen?
  • Braucht der Patient mehr Aktivierung, mehr Belastungssteuerung, mehr Alltagstransfer?

Die BD ist nicht nur sinnvoll, sie ist auch abrechenbar – und sie stützt deine therapeutischen Entscheidungen im gesamten Verlauf.

Der praktische Ablauf: Von der Verordnung bis zum Abschluss

Die Blankoverordnung ist strukturiert, aber flexibel. Der typische Ablauf sieht so aus:

  • 1
    Rezeptprüfung:
    Diagnose EX + klare Kennzeichnung „Blankoverordnung“.
  • 2
    PD durchführen:
    Befund, Ziele, ICF-Logik, Therapieplan.
  • 3
    Therapiephase 1:
    Umsetzung, Dokumentation, stetige Beobachtung.
  • 4
    BD (falls sinnvoll):
    Anpassungen, Frequenzveränderungen, Maßnahmenwechsel.
  • 5
    Therapiephase 2:
    Fortführung bis Zielerreichung oder Fristende.
  • 6
    Abschluss:
    finale Dokumentation, Abrechnung, Patientenkommunikation.

Was nach viel klingt, wird mit Routine erstaunlich linear. Die größte Herausforderung ist selten der fachliche Teil – es ist der organisatorische.

Heilmittelwahl & Ampelsystem: Die Spielräume und ihre Grenzen

Der Spielraum

Mit der Blankoverordnung bestimmst du, welche Heilmittel du einsetzt – und in welcher Kombination. Gerade bei Schulterpatienten kann dies enorm sinnvoll sein: erst Mobilisation, dann Aktivierung, später Kräftigung, ergänzt durch geeignete Maßnahmen wie Wärme oder Elektrotherapie.

Die Grenze

Die Einschränkung ist nicht fachlicher Natur, sondern wirtschaftlicher: das Ampelsystem Blankoverordnung Physiotherapie.
Es unterscheidet zwei große Fallgruppen:

  • konservative Schulterdiagnosen (z. B. Impingement, Frozen Shoulder)
  • Frakturen/OP-Folgen

Jede Gruppe hat definierte „grüne“ Behandlungsbereiche. Werden diese überschritten, landest du im „Rotbereich“. Der Rotbereich ist erlaubt, aber es gibt einen Abschlag von 9 %.

Die Ampel ist damit kein Verbot, sondern eine erwartete Begründungslogik. Du kannst über den grünen Bereich hinausgehen – aber du solltest dokumentieren, warum. Mit zunehmender Erfahrung sehen viele Praxen die Ampel weniger als Limit und mehr als Orientierungssystem für physiotherapeutische Dosisentscheidungen.

Dokumentation: Der unsichtbare Kern der Blankoverordnung

Die Blankoverordnung verlangt nicht mehr Papier, sondern mehr Klarheit. Dokumentation ist hier nicht Verwaltungsakt, sondern fachliches Werkzeug. Jede Entscheidung, die du triffst, muss aus der Dokumentation logisch nachvollziehbar sein.

Wichtig ist:

  • PD und BD strukturiert dokumentieren
  • Therapieziele klar formulieren
  • jede Änderung begründen
  • Verlauf knapp, aber nachvollziehbar halten

Gut gemacht stärkt Dokumentation deine Behandlung. Schlecht gemacht schwächt sie sie. Und nichts schützt so sehr vor Missverständnissen mit Kassen wie eine klare, fachliche Spur deiner Entscheidungen.

Abrechnung Blankoverordnung Physiotherapie: Was du wissen musst

Die Abrechnung ist seit der Einführung stabil geregelt – und wirkt viel komplizierter, als sie tatsächlich ist.

Wesentliche Punkte:

  • PD und BD haben eigene Positionsnummern und sind abrechenbare diagnostische Leistungen
  • Es gibt eine Versorgungspauschale, die deinen organisatorischen Mehraufwand abdeckt
  • Heilmittel der EX-Gruppe werden wie gewohnt abgerechnet
  • Bei Überschreiten der Ampelgrenzen wird automatisch rabattiert
  • Die Zuzahlung des Patienten ergibt erst am Ende Sinn, weil erst dann klar ist, wie viele Einheiten tatsächlich erbracht wurden

In der Praxis läuft das inzwischen weitgehend reibungslos – besonders, wenn die Praxissoftware sauber angepasst ist.

Sicherheit bei der Abrechnung

Blankoverordnung abrechnen – verständlich, praxisnah, ohne Absetzungsrisiko

Die Abrechnung der Blankoverordnung sorgt in vielen Praxen für Unsicherheit. In unserem vertiefenden Praxisleitfaden erklären wir, wie die Abrechnung in der Physiotherapie funktioniert – von PD und Bedarfsdiagnostik über das Ampelsystem bis zur Zuzahlung. Ergänzt durch eine kompakte Checkliste für den Alltag.

➡ Zum Artikel: Abrechnung der Blankoverordnung Physiotherapie – mit Praxisleitfaden & Checkliste

Wenn du Blankoverordnungen strukturiert planen, dokumentieren und abrechnen willst, kann digitale Unterstützung helfen. Eine gute Praxissoftware führt durch Prozesse wie Therapieplanung, Verlaufsdokumentation und Abrechnung – ohne Therapie vorzugeben.

Mehr zur Praxissoftware für Physiotherapie von Henara

Chancen und Risiken: Die ehrliche Einschätzung

Die Blankoverordnung ist weder Heilsbringer noch Horror. Sie ist ein Werkzeug – und wie jedes Werkzeug nützt sie nur, wenn man weiß, wie man sie benutzt.

Die Chancen:

  • Du kannst Therapie endlich so planen, wie sie medizinisch sinnvoll ist.
  • Du bist nicht mehr von ärztlichen Rezeptzyklen abhängig.
  • Diagnostik wird bezahlt – statt erwartet, aber unsichtbar.
  • Patienten profitieren von größeren Therapiezusammenhängen statt Stückelversorgung.

Die Risiken:

  • Ohne Struktur kann der administrative Aufwand stressig werden.
  • Dokumentation wird zur Sollbruchstelle, wenn man sie unterschätzt.
  • Wirtschaftlichkeit muss mitgedacht werden – das ist für viele neu.
  • Mehr Verantwortung bedeutet: weniger Ausreden.

Aber die Wahrheit ist: Physiotherapie hat genau diesen Schritt verdient. Die Blankoverordnung ist, trotz aller Kritikpunkte, ein System, das professionelles Arbeiten sichtbar macht – und stärkt.

Die Blankoverordnung ist ein Upgrade – aber du entscheidest, wie gut es funktioniert

Die Blankoverordnung in der Physiotherapie ist ein komplexes, aber sinnvolles Instrument. Sie macht Diagnostik zur Grundlage, nicht zum Nebengedanken. Sie gibt dir Entscheidungsfreiheit, aber auch die Pflicht, deine Entscheidungen zu begründen. Sie passt zu modernen Versorgungsmodellen – und sie passt besonders zu komplexen Strukturen wie der Schulter.

Freiheit braucht Struktur. Struktur braucht Klarheit. Und Klarheit braucht Dokumentation. Wenn das stimmt, dann wird die Blankoverordnung zu einem echten Qualitätsgewinn – für dich, für die Patienten und für die physiotherapeutische Profession insgesamt.