Organisierte Unterlagen und Tablet in einer Therapiepraxis zur Heilmittel-Richtlinie 2026

Wenn sich das Regelwerk ändert, ändert sich dein Alltag

Du kennst das: Ein Rezept kommt rein, formal korrekt – und trotzdem sitzt du da und überlegst, wie du es sauber umsetzt. Verordnungsmengen, Diagnosen, Wirtschaftlichkeitsfragen. Vieles läuft routiniert, aber alles hängt an einem unsichtbaren Fundament: der Heilmittel-Richtlinie. Jetzt wird genau dieses Fundament überprüft.

Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) evaluiert die große Reform der Heilmittel-Richtlinie, die 2019 beschlossen und 2021 wirksam wurde. Offizieller Anlass ist der Heilmittel-Fachtag im März 2026. Leitfrage: Haben sich die Erwartungen an die Reform erfüllt? Das klingt technisch. Ist es aber nicht. Denn wenn hier nachjustiert wird, betrifft das deine Planung, deine Dokumentation, deine Verordnungslogik – und am Ende deine wirtschaftliche Stabilität.

Was ist die Heilmittel-Richtlinie – und warum bestimmt sie deinen Praxisalltag?

Die Heilmittel-Richtlinie ist das zentrale Regelwerk für die Verordnung von Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und Podologie in der gesetzlichen Versorgung.

Sie regelt unter anderem:
• welche Heilmittel bei welchen Diagnosen verordnungsfähig sind
• wie der Heilmittelkatalog strukturiert ist
• welche orientierenden Behandlungsmengen gelten
• wie Diagnoselisten und Indikationsgruppen aufgebaut sind

Kurz gesagt: Sie definiert den Rahmen, innerhalb dessen Ärzte verordnen – und du behandeln darfst.

Wenn dort Mengen, Systematik oder Dokumentationsanforderungen angepasst werden, verändert das nicht nur Papierformate. Es verändert Abläufe, Terminplanung, Auslastung und Wirtschaftlichkeit.

Darstellung des Heilmittelkatalogs mit Frage zeichen 2026

Warum wird die Reform jetzt evaluiert?

Die Reform von 2019 war eine der größten strukturellen Veränderungen im Heilmittelbereich seit Jahren. Ziel war unter anderem:

  • Entbürokratisierung
  • Vereinfachung des Heilmittelkatalogs
  • Abschaffung alter Regelfall-Logiken
  • Einführung orientierender Behandlungsmengen
  • Umsetzung gesetzlicher Vorgaben wie der Blankoverordnung

Nach einigen Jahren Praxiserfahrung stellt sich nun die Frage: Hat das funktioniert? Evaluation bedeutet hier keine Revolution. Es bedeutet prüfen, analysieren, vergleichen. Wo gab es Reibungsverluste? Wo haben sich neue Unklarheiten ergeben? Wo ist die Steuerung besser geworden – und wo vielleicht komplizierter? Für Praxen ist entscheidend: Evaluation ist häufig der erste Schritt vor einer Feinjustierung.

Welche Änderungen sind realistisch? Vier Szenarien für Praxen

1. Präzisere Anforderungen an Verordnungen und Dokumentation

Wenn Auswertungen zeigen, dass es weiterhin hohe Korrekturquoten oder Unklarheiten bei Diagnosen gibt, könnten Anforderungen an Verordnungsinhalte klarer definiert werden.

Das würde nicht zwingend mehr Bürokratie bedeuten – aber mehr Struktur. Praxen mit sauber standardisierten Dokumentationsprozessen wären hier klar im Vorteil.

2. Anpassungen bei orientierenden Behandlungsmengen

Die orientierenden Behandlungsmengen waren ein Kernstück der Reform. Falls sich zeigt, dass sie zu starr oder zu interpretationsbedürftig sind, könnte der G-BA hier nachschärfen.

Das hätte direkte Auswirkungen auf:
• Therapieplanung
• Verlängerungslogik
• Kommunikation mit Ärzten
• Erwartungsmanagement bei Patienten

Wer seine Mengenverteilung und Verordnungsstruktur kennt, kann hier schnell reagieren.

3. Indirekte wirtschaftliche Steuerung

Auch wenn der G-BA selbst keine Budgetgrenzen festlegt, fließen Evaluationsergebnisse in politische und kassenärztliche Steuerungsinstrumente ein.

Denkbar wären stärkere Prüfmechanismen oder statistische Auffälligkeiten bei bestimmten Indikationsgruppen. Das bedeutet nicht Alarm – aber es bedeutet: Kennzahlen werden wichtiger. Praxen, die ihre eigenen Daten verstehen, sind hier weniger angreifbar.

4. Weiterentwicklung oder Klarstellung der Blankoverordnung

Die Blankoverordnung wurde als Flexibilisierung eingeführt. Evaluation könnte zeigen, wo sie gut funktioniert – und wo sie Unsicherheiten erzeugt.

Möglich wären klarere Einsatzkriterien oder Grenzen. Für Praxen heißt das: Nicht reflexartig einsetzen, sondern strategisch durchdenken.

Was bedeutet das konkret für dich als Praxisinhaber?

Die große Frage ist nicht: Was ändert sich?
Die wichtigere Frage lautet: Wie stabil ist deine Organisation, wenn sich etwas ändert?
Hier ein paar sehr praktische Ansatzpunkte:

  • Prozesse statt Improvisation
    Viele Praxen arbeiten gut – aber stark personenabhängig. Wenn Rezeptprüfung, Dokumentation oder Verlängerungslogik nicht klar definiert sind, wird jede Regeländerung zum Stressfaktor. Ein klarer Ablauf von Rezeptannahme bis Abschluss schafft Sicherheit.
  • Eigene Verordnungsstruktur analysieren
    Wie verteilen sich eure Indikationsgruppen?
    Wo entstehen häufig Rückfragen?
    Wo gibt es hohe Abweichungen von orientierenden Mengen?
    Diese Analyse ist kein Controlling-Overkill. Sie ist strategische Selbstverteidigung.
  • Team aktiv einbinden
    Regeländerungen werden nicht im „Inhaberbüro“ umgesetzt, sondern am Empfang und im Therapieraum. Kurze interne Updates, klare Checklisten und ein gemeinsames Verständnis verhindern Unsicherheit. Und Unsicherheit ist in Praxen oft teurer als jede Richtlinienanpassung.
  • Arztkommunikation verbessern
    Viele Reibungsverluste entstehen nicht durch bösen Willen, sondern durch unterschiedliche Interpretationen. Ein strukturierter Austausch mit verordnenden Ärzten reduziert Rückläufer, Diskussionen und Missverständnisse.
  • Digital strukturieren statt reagieren
    Je klarer deine Datenlage ist, desto ruhiger bleibst du bei Änderungen. Moderne Praxissoftware kann hier helfen – nicht als Selbstzweck, sondern als Organisationsinstrument. Wer Behandlungsverläufe, Verordnungsmengen und Indikationsstatistiken transparent auswerten kann, trifft fundierte Entscheidungen. Und genau das wird in einem stärker evaluierten System zunehmend wichtiger.

FAQ zur Heilmittel-Richtlinie 2026

Aktuell gibt es keine Hinweise auf eine komplette Neufassung. Es geht um eine Evaluation der Reform von 2019. Anpassungen wären wahrscheinlicher als ein Systembruch.
Nein. Bestehende Verordnungen bleiben gültig. Änderungen würden nur nach formellem Beschluss greifen.
Nein. Aber es ist sinnvoll, interne Abläufe und Kennzahlen zu überprüfen, um auf mögliche Anpassungen vorbereitet zu sein.
Dafür gibt es keine Anzeichen. Evaluation bedeutet Überprüfung, nicht Abschaffung.

Was dieser Moment wirklich zeigt

Die Evaluation der Heilmittel-Richtlinie ist kein Drama. Aber sie ist ein Signal. Das System bewegt sich. Langsam, strukturiert, aber kontinuierlich.

Praxen, die rein reaktiv arbeiten, empfinden jede Änderung als Belastung. Praxen, die organisiert, datenbewusst und strategisch geführt sind, empfinden sie als beherrschbar. Und genau dort liegt die eigentliche Botschaft: Nicht die Richtlinie entscheidet über deine Stabilität. Sondern wie gut deine Praxis strukturiert ist.