Stand: 29. September 2026 · Studienblick

Ein Stuhl, ein Bildschirm, ein Weg zur Arbeit – und schon ist ein großer Teil des Tages vorbei. Der DKV-Report 2025 beziffert die durchschnittliche Sitzzeit an Werktagen in seiner Online-Befragung auf 613 Minuten. Das sind gut zehn Stunden. Die Zahl ist eindrucksvoll. Noch interessanter ist, was sie nicht sagt: Wer viel sitzt, ist nicht automatisch krank. Und aus einem Bevölkerungswert wird keine Diagnose für den Menschen vor dir.

Die kurze Antwort: Der Report zeigt lange Sitzzeiten, Unterschiede zwischen einzelnen Gesundheitsverhaltensweisen und eine Lücke bei der Nutzung strukturierter Präventionskurse. Für Therapiepraxen sind das Gesprächsanlässe und Fragen an das eigene Angebot – keine Belege dafür, dass jeder Patient einen Kurs braucht oder eine neue Leistung automatisch nachfragt.

Die 613 Minuten genauer betrachtet

Im Report stehen für 2025 durchschnittlich 613 Minuten Sitzen pro Werktag, für 2023 nach methodischer Anpassung 598 Minuten. Die Erhebung fragte nach Arbeit, Fahrten, Bildschirmzeit und Freizeit. Der Bericht nennt zugleich einen methodischen Wechsel: 1.400 Personen wurden online, 1.407 telefonisch befragt; für Zeitvergleiche wurden ältere Telefonwerte an die Online-Stichprobe angepasst. Die Angaben zum Verhalten beruhen auf Selbstauskünften. Damit ist die Zahl ein Befund aus einer definierten Erhebung, keine Messung per Bewegungssensor und keine individuelle Krankheitsprognose.

Die zugespitzte Überschrift des alten Artikels – „Deutschland sitzt sich krank“ – ging weiter als dieser Befund. Der Report diskutiert gesundheitliche Risiken langer Sitzzeiten. Er beweist aber nicht, dass ein einzelner Patient wegen seiner Sitzdauer eine bestimmte Beschwerde hat. Für das Gespräch in der Praxis kann die Frage dennoch nützlich sein: Wann sitzt du lange am Stück, und wo gibt es realistische Gelegenheiten, den Alltag zu unterbrechen?

Zwei Prozent – aber wovon?

Nur zwei Prozent erreichten 2025 alle fünf vom Report definierten Gesundheits-Benchmarks gleichzeitig. Dazu zählen körperliche Aktivität, Ernährung, Rauchen beziehungsweise Dampfen, Alkohol und Stressempfinden. Der Wert bedeutet nicht, dass 98 Prozent der Befragten „krank“ sind. Er ist ein zusammengesetzter Maßstab, dessen Alkohol- und Rauchkriterien für 2025 geändert wurden. Ein Zeitvergleich ohne diesen Hinweis führt in die Irre.

Die Einzelwerte erzählen eine weniger pauschale Geschichte: 68 Prozent erreichten den Bewegungs-Benchmark; 34 Prozent den Ernährungs-Benchmark. „Alle bewegen sich zu wenig“ steht also nicht im Bericht. Wer ein Präventionsangebot plant, sollte die Zielgruppe und ihr tatsächliches Anliegen prüfen, statt aus einer Gesamtzahl einen Bedarf für jede Praxis abzuleiten.

Was bei Kursen auffällt

Nach eigener Angabe hatten 21 Prozent der Befragten in den vorangegangenen zwei Jahren einen strukturierten Präventionskurs zu Bewegung, Ernährung, Stressbewältigung oder Rauchentwöhnung genutzt. Das ist eine Nutzungsangabe, keine Befragung dazu, warum die anderen keinen Kurs besuchten. Der alte Magazintext erklärte die Differenz mit „Trägheit“ und „Unsicherheit“ – Gründe, die der Report an dieser Stelle nicht belegt.

Für eine Praxis ist die bessere Frage: Welches konkrete Angebot passt zu welchen Menschen, zu welcher Qualifikation und zu welchem verfügbaren Platz? Unser Magazinbeitrag über Selbstzahlerangebote zeigt, wie ein Kurs fachlich und wirtschaftlich geprüft werden kann. Das Glossar Präventionskurse erklärt die Abgrenzung zur Heilmittelbehandlung und die Bedingungen für einen Kassenzuschuss. Den organisatorischen Teil von Gruppen, Teilnehmern und Terminen beschreibt die Seite Kurse und Gruppen. Aus der DKV-Zahl folgt weder eine Kassenerstattung noch ein Umsatzversprechen.

Wenn jemand eine Zahl aus dem Netz mitbringt

Der Report fragte auch, wie Menschen mit digitalen Gesundheitsinformationen zurechtkommen. Beim daraus gebildeten Selbsteinschätzungs-Score lagen 40 Prozent im Bereich „inadäquat“ und weitere 14 Prozent im Bereich „problematisch“. Das heißt nicht, dass diese Menschen unfähig wären, eine Therapieentscheidung zu treffen. Der Score beschreibt, wie leicht oder schwer sie acht Schritte vom Suchen bis zum Anwenden selbst einschätzten.

Im Praxisgespräch hilft eine einfache Rückfrage: „Woher stammt die Information, und was davon beunruhigt dich?“ Danach lässt sich erklären, was die Studie untersucht hat, was sie nicht untersucht hat und welche Fragen zum individuellen Behandlungsziel gehören. Das ist konkreter als eine allgemeine Warnung vor „dem Internet“ oder vor KI.

Drei kleine Fragen statt eines großen Weckrufs

  1. Für wen gilt die Zahl? Für Befragte in einer Bevölkerungsstudie, nicht automatisch für die eigenen Patienten.
  2. Was wurde gemessen? Selbstauskünfte, Benchmarks und Kursnutzung – keine Wirksamkeit eines konkreten Praxisangebots.
  3. Was folgt für die Praxis? Erst Bedarf, Qualifikation, Zeit und Ablauf prüfen; dann ein passendes Angebot beschreiben.

Der DKV-Report ist als Blick auf Gesundheitsverhalten lesenswert. Seine stärkste Aufgabe im Magazin ist nicht, Angst vor zehn Stunden auf einem Stuhl zu machen. Er lädt dazu ein, genauer hinzusehen – und mit Patienten über veränderbare Alltagssituationen zu sprechen, ohne aus Statistik eine Diagnose oder ein Verkaufsargument zu machen.

Quelle und Prüfstand: DKV-Report 2025, Originalbericht, insbesondere Methodik, Sitzverhalten, Gesundheits-Benchmarks, digitale Gesundheitskompetenz und Präventionsnutzung; DKV-Medieninformation vom 04.08.2025. Geprüft am 29. September 2026. Der Report enthält selbst berichtete Verhaltensdaten; die Gesprächsfragen sind redaktionelle Beispiele und keine medizinische Empfehlung.

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